Buchrezensionen aus Ober-Ramstadt

Die narzistische Gesellschaft: Ein Psychogramm

Dieses Buch ernüchtert

Rezension von Winfried Stanzick zum Buch: „Die narzistische Gesellschaft: Ein Psychogramm“ von Hans-Joachim Maaz, Tasschenbuch: 240 Seiten, Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. August 2014), ISBN-10: 3423348216, ISBN-13: 978-3423348218, Preis: 9,90 Euro.

Dieses Buch ernüchtert. Es lässt Hoffnungen auf eine baldige Verbesserung gesellschaftlicher Zustände sich in Luft auflösen und alle Perspektiven auf eine menschliche und eben auch zwischenmenschlich lebenswerte Gesellschaft in Rauch aufgehen.

Denn Hans-Joachim Maaz, ein seit 40 Jahren praktizierender Psychiater und Psychoanalytiker, der mit Büchern wie 'Der Gefühlsstau' und 'Die Liebesfalle' in der Vergangenheit schon oft die psychische Verfassung des Landes und seiner Menschen scharf und auch oft treffend beschrieben hat, sieht unsere ganze Gesellschaft in einer Narzissmus-Falle.

Er führt sie zurück auf eine grundlegende Störung von immer mehr Menschen, deren frühe Mutter-Kind-Beziehung nicht gelingt und die dann in ihrem weiteren Leben narzisstisch gestört an einem grundsätzlichen Minderwertigkeitsgefühl leiden. Eine oder auch mehrere der folgenden Selbstwahrnehmungen und Selbstdefinitionen sind typisch für ihr Seelenleben:Ich bin nicht liebenswert

  • Ich bin nicht gut genug
  • Ich bin nicht berechtigt, ich bin es nicht wert
  • Ich kann das nicht, ich schaffe das nicht
  • Das ist zu viel für mich
  • Ich bin ein Versager, ein Verlierer
  • Ich bin nicht schön genug
  • Mich will sowieso keiner
  • Ich genüge nicht
  • Ich habe eh keine Chance
  • Ich bleibe draußen, ich gehöre nicht dazu


Und weil das keine guten Gefühle sind, versuchen die Menschen durch allerlei großartigen Ich-Leistungen zum Erfolg zu kommen. Doch sie bleiben brüchig, denn sie ruhen nicht in einer in der Kindheit erworbenen Bindung und Selbstsicherheit, sondern sie werden durch die früh in der Kindheit erlebte Abwertung quasi pulverisiert. Mangelnde Bindung und Spiegelung sind die Hauptquelle der rasend schnell zunehmenden narzisstischen Störungen. Wer nicht ausreichend gespiegelt und bestätigt wurde, der bleibt einleben lang abhängig von der Zustimmung anderer.

Fehlende Empathie als ein wesentliches Zeichen narzisstischer gestörter Menschen führt in der Summe zu immer weniger Mitmenschlichkeit und zu einer schon seit langem spürbar werdenden Kälte in der Gesellschaft.

Nachdem Hans-Joachim Maaz über 200 Seiten sehr verständlich und lesenswert die narzisstischen Phänomene in den verschiedenen Lebensbereichen der Menschen und der Gesellschaft beschrieben hat, kommt er am Ende zu dem nüchternen und skeptisch-hoffungsvollen Ergebnis:
'Solange die Ursachen früher seelischer Verletzungen von Kindern nicht wesentlich vermindert werden können, habe ich die Befürchtung, das sich kollektiv- destruktive Fehlentwicklungen (die er vorher in Fülle beschrieben hat, d.R.) in immer neuen Formen wiederholen. Wenn wir die destruktiven Folgen der narzisstischen Problematik vermeiden wollen, müssen wir uns ernsthaft und engagiert folgenden Aufgaben zuwenden.'

Und dann zählt er drei Aufgaben auf:

  1.  Wir müssen der Wachstumsideologie entkommen. Sie speist sich nämlich aus narzisstisch unbefriedigten Bedürfnissen. Wir müssen uns konzentrieren auf die Qualität und die Entwicklung unserer sozialen Beziehungen.
  2. Wir müssen die Leistungsgesellschaft verlassen. Sie dient der Kompensation seelischer Defizite. Wir müssen lernen, unsere natürlichen Begrenzungen zu akzeptieren, inklusive unserer Endlichkeit.
  3. Partnerschaft, Freundschaft, Liebe und Sexualität dürfen nicht mit 'Übertragungen' belastet werden, die aus unerfüllten narzisstischen Sehnsüchten stammen. Das ist harte Arbeit an sich selbst, die man durch ehrliche Mitteilungen und einen offenen Gefühlsausdruck unterstützen kann, ggf. auch durch eine Therapie. Am besten lässt sich diese wichtige Fähigkeit erreichen durch eine bestmögliche frühkindliche Bindung und Bestätigung.


Für den einzelnen Menschen sind diese Ziele durch harte und selbstkritische Arbeit an sich selbst durchaus erreichbar, sagt Maaz. Für die Masse der Bevölkerung nicht . Die Gesellschaft muss sich die optimale Betreuung von Kindern zu zentralen Aufgabe machen. Die Entwicklung einer guten Mütterlichkeit und Väterlichkeit und ein Orientierungswandel von der Erziehung zur Beziehung sind nötig. 'Die narzisstischen Störungen entstehen in der frühen Kindheit. Dort liegt der Schlüssel für die gesellschaftliche Entwicklung.'

Je mehr einzelne Menschen anders leben wollen und dazu auch psychisch in der Lage sind, so Maaz, desto mehr kann sich die Dominanz der narzisstischen Gesellschaft verändern.

Ja, das ist in vielen Dingen und schon immer die Basis aller Hoffnung auf Veränderung. Viele Leute an vielen Orten können das Gesicht der Welt verändern. Ich kenne mittlerweile immer mehr davon, die an sich arbeiten und versuchen, ihren Kindern die nötige Bindung, Liebe und Beziehung zu schenken, die sie brauchen werden, um zu menschlichen und psychisch gesunden Mitglieder einer Gesellschaft zu werden, die nichts dringender braucht als viele solcher junger Menschen.

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